Leandro singt gerne. Am liebsten ein Lied: „Will You
Be
There“ von Michael Jackson. Er guckt konzentriert in unsere
Kamera, die rechte Hand schnipst den Takt und los geht’s.
Jetzt
gibt es nur noch ihn und die Kamera. „Carry Me - Like You Are
My
Brother - Love Me like A Mother - Will You Be There?”, singt
er.
Der 15jährige smarte Junge wohnt in der Casa Dom Bosco in Belo
Horizonte, der drittgrößten Stadt Brasiliens. Das
geräumige Haus mit eigenem Bolzplatz liegt in einer
unscheinbaren
Wohngegend. Es ist ein Wohnheim für 14 ehemalige
Straßenkinder – Meninos de Rua
- die sich entschlossen haben, der Straße
„Adeus“ zu
sagen. Leandro ist einer von ihnen. Als wir kommen, sind alle ziemlich
aufgekratzt. Es ist selten, dass jemand ins Haus kommt, nur um sie
kennen zulernen.
Mehr als nur ein Haus
Die Casa Dom Bosco ist allerdings mehr als nur ein Haus. Es ist ein
ganzes Programm für Straßenjungen. In mehreren
Stufen werden
Straßenkinder behutsam an das Leben in einer Gemeinschaft mit
Rechten und Pflichten gewöhnt. Es dauert lange, bis ein
Straßenkind bereit ist, sich nach seiner Loslösung
von zu
Hause wieder anderen Menschen anzuvertrauen. Zu viel hat es erlebt.
Leandro war 12, als er es nicht mehr aushielt. Sein Stiefvater habe ihm
damals gedroht, ihn zu erschießen, erzählt er.
Darauf wollte
er es nicht ankommen lassen und lief weg. Zwei Jahre lang schlief er in
Industrieruinen oder Hauseingängen, lebte von der Hand in den
Mund
und betäubte sich mit Klebstoff. Bis ein Streetworker der Casa
Dom
Bosco ihn und andere Jungs zu einem Fußballspiel einlud.
Angst
und Misstrauen hin oder her, Leandro ist Brasilianer und spielte mit.
Und irgendwann, meint, habe er dann begriffen, dass Padre Carlos
Moreira und sein Team etwas ganz besonderes zu bieten haben:
Fürsorge. „Lift Me Up Slowly - Carry Me Boldly -
Show Me You
Care” So geht das Lied von Jacko weiter. Immer
regelmäßiger ging Leandro in das Auffangzentrum der
Casa Dom
Bosco, bis er sich irgendwann entschied, ins Centro de Passagem zu
ziehen, in das Übergangszentrum, wo er jetzt seit einem halben
Jahr wohnt. Von hier aus will er, wenn alles gut geht, seinen
Schulabschluss machen und einen Beruf lernen.
„Ich
weiß, dass sie keine Engel sind.“
Padre Carlos ist 33 Jahre alt. Ein großer, breitschultriger
Mann
mit freundlichem Gesicht. Er lacht viel, auch wenn er eine Menge Sorgen
hat. Am Abend hatten wir vergeblich beim Essen auf ihn gewartet. Bei
unserem Besuch erfahren wir, dass er die ganze Nacht im
Gefängnis
war, um einen Jungen rauszuboxen, der bei einer Razzia in einem Bordell
festgenommen worden war, wo er angeschafft hatte. Carlos hat, wie viele
Salesianer, neben Theologie auch Pädagogik studiert. Mit
seinen
Mitarbeitern versucht er, die Jungen von ihren verschiedenen Traumata
zu befreien. „Ich weiß, dass sie keine Engel sind.
Ich
blende die Dinge aus, zu denen sie auf der Straße gezwungen
wurden, weil ich sehe, dass sie darunter leiden.“ Leandro zum
Beispiel sei sensibel, könne aber in Stresssituationen sehr
aggressiv werden, so aggressiv, dass sogar die anderen Jungs vorsichtig
würden.
„Tell Me Will You Hold Me - When Wrong, Will You Skold Me -
When
Lost, Will You Find Me?” hat Leandro uns vorgesungen. Jetzt
sitzt
er uns gegenüber, abgekämpft nach einem
Fußballspiel.
Was das schlimmste auf der Straße gewesen sei, fragen wir ihn
im
Gespräch. Der vorher so fröhliche Junge wird
plötzlich
blass. Seine Augen werden feucht. „El muerte – der
Tod“, sagt er. Und er berichtet von älteren Jungen,
die ihn
vergewaltigten, von Männern, die ihn jagten und
prügelten.
Leandro zittert und Carlos greift ein. Wir sollten wieder über
etwas anderes reden. Warum er „Will You Be There“
so
schön findet, wollen wir wissen. - „Wenn ich dieses
Lied
höre, dann ist alles voller Licht und Liebe“ sagt
er.
„Dann glaube ich, dass alles irgendwie gut wird.